Dr. Felix Grafe

Autor, Übersetzer, Historiker. Widerstandskämpfer. Hingerichtet.

* 1888   † 1942

 

Lebenslauf

Felix Grafe wurde am 9. Juli 1888 in Humpolec, Böhmen, geboren. Bereits im Alter von zwei Jahren kam er mit seiner Familie nach Wien. Sein Vater war Fabrikbesitzer in Gänserndorf.

Studium, Sprachgenie und Gründer einer Zeitschrift

Grafe studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Philologie in München und Wien. Hernach gehörte er dem literarischen Kreis rund um Heinrich Mann und Frank Wedekind an. Er beherrschte sieben Sprachen. Letzteres ermöglichte ihm, sowohl Nachdichtungen als auch Übersetzungen zu bewerkstelligen. So übersetzte er etwa aus dem Englischen und dem Französischen Shakespeare, Baudelaire und Oscar Wilde. Zudem begründete er die Zeitschrift “Anbruch”.

Karl Kraus

Als Autor wurde Felix Grafe von Karl Kraus entdeckt. Grafes erstes Gedicht wurde in “Die Fackel” abgedruckt. Weiters förderte Kraus Grafe auch als Übersetzer, indem er entsprechende Gedichte in seine Zeitschrift aufnahm.

"Das Lied" in der "Fackel"

Und mit einem leichten Liede
auf den Lippen kam sie her;
hart und schwer
klangen Schläge aus der Schmiede.

Eines Ritters graue Pferde,
der Gesell beschlug sie gut;
rot wie Blut
wurde sie und sah zur Erde.

Und aus ihrem jungen Munde
schwieg das Lied – doch der Gesell
sang es hell
in der roten Abendstunde.

Förderer Ernst Schönwiese

Der zweite Förderer von Felix Grafe war Ernst Schönwiese. Schönwiese war Herausgeber der im zwanzigsten Jahrhundert als weltliterarisch zu bezeichnenden Zeitschrift “Das Silberboot”. Ernst Schönwiese druckte auch nach dem zweiten Weltkrieg Gedichte von Felix Grafe ab, und erwies sich somit als Bewahrer des literarischen Erbes des Multitalents.

Gedicht gegen Hitler

Felix Grafe war ein kritischer Geist. Dennoch wäre der Mittelalter-Experte nur schwer in die Fänge der Nazi-Schergen geraten, wenn nicht eine Verkettung unglücklicher Umstände dies bewirkt hätte. Sein Schwager, Franz Tastl, leitete eine Widerstandsgruppe, die Flugblätter gegen Krieg und Gewalt herstellte und vertrieb. Diese wurden hauptsächlich in Telefonbücher eingelegt, welche in öffentlichen Sprechzellen auflagen. Tastl ersuchte Dr. Felix Grafe, ein Gedicht gegen Hitler zu schreiben. Der Autor erfüllte diese Bitte und nur wenig später wurde er - wahrscheinlich von einem unmittelbaren Mitarbeiter Tastls - verraten.

"Den Hammer nehmt, Genossen,
die Sichel und den Geist!
Aus ewigen Erz gegossen
sind alle drei geschweißt.

Nie endet Euer Jammer,
nie endete Eure Not,
solange nicht der Hammer
Euch Einheit gibt und Brot.

Solange nicht die Sichel
durch alles Morsche saust,
Wach´auf, Du deutscher Michel!
Den Hammer in der Faust!

Gedenke der Hekatomben
von Hitlers Henkershand!
Gedenkt der Göring-Bomben
auf friedlich freies Land!

Zerschlagt die Schreckenskammern,
die Hitler Euch gebaut,
Genossen, greift zum Hammer
und wehrt Euch Eurer Haut!

So hämmert denn die Taten
der harten Faust und Stirn
den Blut- und Plutokraten
mit Stahl ins Herz und Hirn!"

Verhaftung und Hinrichtung

Am 25. Juli 1941 kam es zur Verhaftung von Felix Grafe, gemeinsam mit seiner Frau, die von alledem keine Ahnung hatte. Er wurde am 18. Dezember 1942 im Landesgericht 1 , gemeinsam mit Franz Tastl hingerichtet.

Abschiedsbrief von Felix Grafe an Missy (Else) Wertheimer, Roten Löwengasse 3, 1090 Wien

Die Frau von Felix Grafe wurde am 16.4.1943 v. 6. Sen. OLG Wien wegen Nichtanzeige eines hochverräterischen Unternehmens zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Er schrieb seinen Abschiedsbrief am Tage seiner Hinrichtung, am 18.12.1942:

“Da ich heute sterben muss, nehme ich nun Abschied von euch, dir Elserle, meine süße kleine, angebetete Frau und von dir Michael, mein goldener, lieber Bub. Vor allem ihr sollt nicht traurig sein, ich bin es auch nicht, ich hab meinen Frieden mit der Welt gemacht und gehe im Bewusstsein meiner Unschuld ruhig, ohne Hass, getröstet ins Jenseits. Freilich, auch im Paradies wird es für mich nicht schöner sein als ich es in den langen Jahren hatte, die ich mit dir sein durfte. Else, du warst die Schönste und Lieblichste, die Beste, Treueste, Fleißigste, Zärtlichste, Mütterlichste, Leidenschaftlichste, Klügste. Du warst mir alles, warst mir ein wahrhaftes Evangelium der Liebe, der himmlischen und der Irdischen. Ich werde Gott meinen Dank sagen, dass er mich dich hat finden lassen, dass er mir für mein irdisches Dasein eine Gefährtin gegeben hat, wie sie schöner, tapferer und geduldiger keinem anderen Manne gegeben war so wie mir. Ich habe es dir […] Es ist traurig, dass ich euch in so armseliger Lage zurücklasse, aber mir ist trotzdem nicht bange um euch. Ihr seid beide jung und tüchtig. Ihr werdet euch schon durchbeißen. Ich selbst wäre bei den jetzigen Zeiten und durch meine Krankheit nur eine Last für euch, ohne mich werdet ihr leichter leben. Du und ich haben viel Liebe gesät und so wirst du jetzt viel Liebe ernten, vor allem von Inno und Lukas. Wenn du zurückdenkst, doch nur an all das Schöne, denk an Grinzing, ans Zögernitz […] an unsere Hochzeit, an Mickis Geburt, an Sievering, Venedig, Rom, Capri, Neapel, an unsere Fahrt mit Nellan durch die Champagne, an die Dolomiten, an deine liebe Mutter, wie glücklich sie bei uns waren. […..] Wenn man so alt und krank ist, stirbt man leichter und gerne - ich bin ganz taub geworden, meine Zuckerkrankheit hat mächtig weitergefressen, ich wiege, trotz ausreichendster Ernährung, nur mehr 48 kg (gegen 72 normal), und bin ein zahnloses, weißhaariges Gerippe geworden. […] In den 18 Monaten, die ich hier in der Zelle gesessen, habe ich dich Tag und Nacht vor mir gesehen, Putzili, mit jeder feinsten, geliebten Schwingung des Gesichts, der Nase, deiner süßen Lippen, des schönsten Mundes, den je eine Frau gehabt. Du warst mein Glück und ich danke dem Schicksal für dich. […] Unser Leben war nicht leicht, viel Sorge, Arbeit und Schmerz und gerade darum war es so schön. Auch meine Arbeit war oft schwer und bitter, aber wenn ich dabei an dich dachte, war alles leichter und süss. Und wenn ich von der Arbeit heimkam - auch nach 10jähriger Ehe - und ich sah dich am Fenster warten, dann klopfte mir das Herz wie einem verliebten Gymnasiasten, wenn er seine Angebetete vorbeigehen sieht. […] Vor dem ewigen Richterstuhl werde ich wohl bestehen, denn ich habe mich stets bemüht, ein guter Mensch zu sein, ein guter Ehemann und ein guter Vater. Heb´ diesen Brief gut auf, auch für die Kinder - mit Goethe kannst du dann sagen: Hier gedachte still ein Liebender seiner Geliebten. Umarme die teure Missy, ich danke ihr für alles und allen Freunden, es sind so viele, als dass ich sie alle nennen könnte […….] ich lasse jeden einzelnen tausendmal bitten, für dich und Michael zu sorgen. Ich bin nicht traurig, nicht aufgeregt, vielleicht hätte ich mich auf einem Krankenlager jahrelang bitter quälen müssen, wie mein Vater und Bruder und so erscheint mir der schnelle Tod, wie ein freundlicher Erlöser. Und jetzt bin ich müde und will mich zum ewigen Schlaf niederlegen. Gute Nacht, großes Putzi, gute Nacht kleines Putzili, ich liebte euch, behaltet mich lieb, vergesst mich nicht, werdet wieder froh und glücklich. Betet für mich! Und kommt ihr je wieder in die Frarikirche in Venedig, so stiftet der Wachsmadonna ein kleines Andenken an mich. […]”

Aus dem Urteil

“Der Angeklagte Grafe wurde Ende 1939 durch Tastl von dessen illegaler Tätigkeit unterrichtet und erklärte sich bereit, monatliche Mitgliedsbeiträge für die KPÖ in Höhe von 2.- RM zu zahlen. Diese Beiträge zahlte Grafe teilweise in bar, zuletzt im März 1941, teilweise verrechnete er sie mit Tastl. Grafe erhielt in dieser Zeit auch mehrfach Einzelstücke der von Tastl verbreiteten illegalen Schriften, die er nach Durchsicht an diesen zurückgab. Auf Aufforderung des Angeklagten Tastl verfasste Grafe im Jahre 1940 ein kommunistisches Hetzgedicht gegen das nationalsozialistische Deutschland, das im November 1940 in dem oben angeführten Wortlaut in der illegalen Druckschrift “Hammer und Sichel” erschien. (…) Wegen ihres ehrlosen Verhaltens wurde den Angeklagten Tastl, (Johann) Pirringer und (Franz) Fickert die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt. (…) Bei dem Angeklagten Grafe wurde vom Ehrverlust abgesehen, weil er als Jude keine deutsche Ehre besitzt.”

Straßenbenennung

Die Felix-Grafe-Gasse in Wien Favoriten wurde nach dem Autor, Übersetzer und Historiker benannt.

Gedenkort

Im ehemaligen Hinrichtungsraum des Wiener Landesgerichts findet sich sein Name auf einer der Gedenktafeln.

Die Gedenkstätte auf der Gruppe 40, Zentralfriedhof

Weblinks

Wir erinnern uns

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